Maren Bonacker von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar

Maren Bonacker - Phantastische Bibliothek Wetzlar

Ein übliche Floskel in Stellenausschreibungen ist: “Bist du bereit, die extra Meile zu gehen?” Das fällt einem vermutlich umso leichter, wenn man im Beruf der eigenen Passion nachgehen kann. Vermutlich gibt es wenige Menschen, denen das so gut gelungen ist wie Maren Bonacker, die ihr Geld mit dem Lesen von Kinderbüchern verdient. Einer ihrer Tätigkeitsorte ist die Phantastische Bibliothek in Wetzlar, mitten in Hessen!

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mittelhessenbuch: Hallo Maren, danke, dass du dir die Zeit für ein paar Fragen nimmst!

Maren: Ich freue mich, dass du dich in deinem Blog mit der Phantastischen Bibliothek Wetzlar beschäftigst und mich dafür als Interview-Partnerin ausgesucht hast. Vielen Dank dafür!

Etwas mit Kinderbüchern

mittelhessenbuch: Wie würdest du dein berufliches Leben erklären, wenn du dich kurz fassen müsstest? Aber bitte etwas länger als “Etwas mit Kinderbüchern” 🙂

Maren: (grinst) „Ich mache was mit Kinderbüchern“ ist der Name einer Facebookgruppe, der ich mich vor langer Zeit mal angeschlossen habe, weil ich mich sehr mit dem Satz identifizieren konnte. (Spoiler: Ich mache in meinem Beruf in der Phantastischen Bibliotjek natürlich noch etliches mehr, als nur Kinderbücher zu lesen …) Nein, im Ernst: Ich lese schon immer gerne Kinder- und Jugendliteratur. Die richtig gut geschriebenen Romane für Kinder und Jugendliche berühren auch erwachsene Leserinnen und Leser sehr tief, haben eine Atmosphäre, die auch lange nach dem Lesen nicht loslässt und vermitteln oft eine Botschaft, die uns allen im Leben weiterhilft. Gute KJL gibt einem wirklich viel!

mittelhessenbuch: Wie viele (Kinder)bücher hast du daheim?

Maren: Oh je, zählen tu ich sie nicht, ich lese sie lieber. Sie stapeln sich in jedem Zimmer – eine ganze Menge auf jeden Fall!

Papierbücher oder EBooks

mittelhessenbuch: Vermutlich liest du lieber Papierbücher oder kannst du auch EBooks etwas abgewinnen?

Maren: Ich muss beruflich auch viele noch unveröffentlichte Manuskripte lesen, da ist der e-Reader mein bester Freund. Besser als dicke Blöcke Kopierpapier. Gut ist auch, dass ich dann nachts lesen kann, ohne das Licht anknipsen zu müssen und meine Familie zu stören. Aber wenn ich ganz normal lese, ist mir das gedruckte Buch lieber – ich kann mir da besondere Textstellen besser merken. Außerdem sind die meisten Kinderbücher auch liebevoll gestaltet; Stanzungen im Cover, bedrucktes Vorsatzpapier, das schon einen Teil der Geschichte erzählt oder Hinweise auf den Inhalt gibt, witzig gemachte Seitenzahlen – all das geht im eReader verloren.

mittelhessenbuch: Die Tradition des Geschichtenerzählens ist vermutlich wenig jünger als die Sprache selbst. Von der mündlichen Überlieferung bis zum geschriebenen Wort hat es dann eine Weile gedauert und auch bis zum gedruckten Buch war es ein weiter Weg. Theater, Hörspiel, Radio, Film und Fernsehen boten neue Möglichkeiten, mit der Digitalisierung gibt es weitere Möglichkeiten Geschichten anders zu erzählen. Probierst du da selber auch mal interaktive Bücher aus? Falls ja: Gab es (extrem) negative Beispiele und Sachen, die dich positiv überrascht haben?

Maren: Es gibt faszinierende Buchprojekte, die den Leser auf mehreren Wegen erreichen. James Freys „Endgame“ zum Beispiel bestand aus Buch und CD mit Computergame; außerdem musste man immer wieder ins Netz, um alle Hinweise zu enschlüsseln, die die Geschichte bot. Es ist ein Abenteuer, sich auf so etwas einzulassen, aber man braucht dann auch ein wenig Muße. „Kathy’s Book“ hat mit verschiedenen zusätzlichen Materialien, Briefen, Tagebuchaufzeichnungen, etc. funktioniert. Und auch Bilderbücher funktionieren manchmal crossmedial, wie z.B. Till Penzels und Julia Neuhaus’ „Was ist denn hier passiert“ (Tulipan Verlag), das neben den Bildern auch aus einer App bestand, die in bewegten Bildern erzählt hat, wie es zu der Situation im Buch gekommen ist. Das macht total Spaß, sich erst mit den Kindern zu überlegen, was hier wohl passiert ist und dann eine mögliche Lösung geboten zu bekommen. Ich lasse mich nicht oft auf solche Bücher ein, weil ich technisch nicht so fit bin, aber wenn, dann habe ich meistens großen Spaß daran.

(Vor)Lesegewohnheiten

mittelhessenbuch: Du bist auch als Lese- und Literaturpädagogin aktiv. Wie haben sich die Lesegewohnheiten (wenn man davon sprechen kann) von Kindern geändert? Und wie die Vorlesegewohnheiten der Eltern?

Maren: Ich habe das Gefühl, dass Kinder heute viel schwerer zu begeistern sind. Das konkurrierende Angebot (Fernsehen, Playstation und wie sie alle heißen) ist enorm. Und wenn bei einem Buch der Funke nicht sofort überspringt, dann hat es keine Chance. Das führt dazu, dass die Kinderbücher sich in der Optik immer mehr an knalligen Fernsehserien orientieren (zumindest kommt es mir so vor). Viele Bücher für die Jüngeren sind schreiend bunt, teilweise durchgehend vierfarbig gedruckt (also wie ein Bidlerbuch auf Kinderbuchlänge) und transportieren in den Illustrationen viel von Comic und Zeichentrick. Auf mich als erwachsenen Leser wirkt das oft kitschig, es spricht mich nicht mehr so an und mich stört der intensive Farbgeruch, den diese Bücher manchmal haben.
Vorlesegewohnheiten der Eltern? Schwer zu sagen. Die, die vorlesen, lesen richtig viel vor. Bilderbuch, Vorlesebuch und ihre eigenen Lieblingsbücher aus der Kindheit. Ich kriege ja mit, was da ausgeliehen wird und wonach die Eltern fragen. Die, die nicht viel Zeit zum Vorlesen haben, weichen z.T. auf die Hörbücher und Hörspiele aus, die auch ein grandioses Geschichtenerlebnis möglich machen. Ich selbst bin da manchmal etwas frustriert – ich kenne so viele gradiose Kinderbücher, für die ich meine eigenen Kinder gerne begeistern würde. Aber die sind gar nicht so sehr dafür zu haben und steigen oft mitten im Buch einfach aus. Die Titel, die wir allesamt von vorne bins hinten gelesen haben, waren Astrid Lindgrens „Kalle Blomqvist“ und alle Bände von „Spackos in Space“ von Jochen Till.

mittelhessenbuch: Wie bist du zur Phantastischen Bibliothek gekommen und ab wann hattest du Gelegenheit sie mit zu gestalten?

Maren: Ich bin schon als Jugendliche da reingestolpert, als die Bibliothek noch aus zwei kleinen Räumchen am Domplatz 7 bestand. Eigentlich wollte ich fragen, wie man Kinderbuchautorin wird. Dabei bin ich dem Initiator, Thomas Le Blanc in die Hände gefallen, und er hat mich stundenlang belabert und mir danach angeboten, im Rahmen eines Praktikums mehr über Kinderbücher und die beruflichen Möglichkeiten drumherum zu erfahren. Ich habe dann neben dem Studium über die Dauer von zehn Jahren ein unbezahltes Praktikum in der Bibliothek gemacht und hatte dafür mein größtes Heiligtum: Einen eigenen Schlüssel zur Bibliothek! Und als ich mit Studieren fertig war und konsequenterweise eigentlich ins Referendariat hätte gehen müssen (ich habe Lehramt studiert), haben mir Bettina Twrsnick und Thomas Le Blanc stolz eröffnet, sie hätten eine Stelle extra für mich geschaffen. Eine Kombination aus pädagogischer, journalistischer literaturwissenschaftlicher und bibliothekarischer Tätigkeit, also ein Querschnitt aus allem, was ich zu dem Zeitpunkt gern gemacht habe. Trotzdem war ich eigentlich gar nicht so happy bei der Vorstellung. Wir waren jahrelang einfach nur befreundet gewesen – und nun sollten sie meine Chefs werden. Ob das so gut wäre? Aber ich habe dann doch zugesagt und mir gedacht, dass ich das Referendariat ja immer noch nachholen könnte, falls es in der Bibliothek schiefgeht. Nur dass es nie schief ging – trotz der beruflichen Verbundenheit sind wir bis heute gute Freunde geblieben. Ich hätte nicht gedacht, dass das so einfach funktionieren kann!

Was macht die Phantastische Bibliothek besonders?

mittelhessenbuch: Was macht die Phantastische Bibliothek, außer den Themenschwerpunkten, zu etwas Besonderem?

Maren: Die Menschen dort. Wir sind ein kunterbunter Haufen von Menschen, die alle in der Bibliothek Fuß gefasst haben und eigentlich alle einen ganz anderen beruflichen Werdegang hatten. Aber davon bekommen die Besucher der Bibliothek nicht direkt etwas mit, glaube ich. Für die ist die Bibliothek sicherlich etwas Besonderes, weil sie in der Gestaltung doch sehr aus dem Rahmen fällt. Torbögen und Sitzgruppen aus Büchern, ein Märchenraum aus 1001 Nacht mit Teppichen, Kisschen und Troddeln, ein Horrorraum, in dem wir regelmäßig nicht Spinnweben entfernen, sondern neue anbringen und eine Kinderbuchabteilung, in der die Kinder sich als Drachen und Prinzessinnen verkleiden können. Alles ist ein bisschen aus der Zeit gefallen, vieles ist handgemacht, aber alles mit großer Liebe. Und das spürt man!

mittelhessenbuch: Corona ist auch für euch eine Herausforderung: Wie ermöglicht ihr den Lesern trotzdem Zugang zu den Büchern und Veranstaltungen?

Maren: Bücher und Menschen zusammenzubringen ist unsere absolute Passion! Also haben wir in Corona schon sehr früh überlegt, wie wir das hinbekommen. Zuerst haben wir auf die Selbstausleihe gesetzt und ein Regal mit unseren Drittexemplaren vor die Tür gestellt. Die Idee: Unsere Leserinnen und Leser wissen ja, wie’s geht. Man leiht sich Bücher aus und bringt sie zurück, wenn man mit dem Lesen fertig ist. Leider fanden das aber auch Menschen interessant, die wohl vom Verkauf von Büchern leben, und nachdem unser Außen-Leihregal über Nacht dreimal komplett geleert wurde, mussten wir dieses Konzept neu gestalten. Wir sind auf die Wunsch- und Wundertüten gekommen: Unsere Leserinnen und Leser konnten entweder gezielte Wunschzettel schreiben oder aber eine grobe Leserichtung angeben. Wir haben dann die Bücher zusammengesucht oder extra ausgewählt und sie coronasafe an unserer Haustür ausgehändigt. Bei den Kinderbüchern haben wir oft noch kleine Briefe dazugeschrieben, WARUM wir genau diese Bücher ausgesucht haben. Das kam total gut an und hat uns auch einige neue Leserinnen und Leser beschert.

mittelhessenbuch: Besucht man die PhanBib, fällt einem auf, dass es bei euch sehr voll ist. Habt ihr noch Erweiterungsmöglichkeiten oder müsst ihr bereits in ein Archiv auslagern?

Maren: Ach, das ist ein wunder Punkt … Wir platzen in der Tat aus allen Nähten. Schweren Herzens haben wir uns jetzt dazu entschieden, die spekulativen Wissenschaften ins Archiv auszulagern, um für die belletristischen Titel mehr Raum zu haben.

Zukunftspläne der Phantastischen Bibliothek

mittelhessenbuch: Nichts ist so beständig wie die Veränderung. Welche Pläne habt ihr als PhanBib weiterhin am Puls der Zeit zu bleiben?

Maren: Wir sind just jetzt dabei, unsere antiquierte Homepage gründlich zu überarbeiten und wir wollen noch engagierter auf die Schulen zugehen, zu denen der Kontakt in Coronazeiten doch etwas eingeschlafen ist. Ich sehe die Zukunft in jungen Menschen, die ihre Liebe zu Büchern entdecken, und da ist ein erster Schritt der Besuch der Bibliothek und das Erkennen, dass hier wirklich ein ganz besonderer Ort geschaffen wurde, an dem nicht nur gelesen werden kann, sondern wo man sich auch einfach so treffen und Tee trinken kann.
Zu unseren eher verrückten, aber sehr gut angenommenen moderneren Projekten gehört „Future Life“: Da liest ein Team Science Fiction Literatur auf der Suche nach Ideen und Erfindungen, die vielleicht tatsächlich realisiert werden könnten. Spannend wird es, wenn wir hier konkrete Aufträge von Firmen bekommen. Wie funktioniert Zahnmedizin im Weltall? Oder welche Verkehrsmittel und -systeme gibt es in der Zukunft? Wie sieht Städteplanung der Zukunft aus und wie entwickelt sich Kommunkation? Dichter dran können wir kaum sein – und Vorstandsmitglied Thomas Le Blanc sitzt nicht umsonst im Zukunftsrat.

mittelhessenbuch: In Kooperation mit der Stadt Wetzlar verleiht ihr den “Phantastikpreis der Stadt Wetzlar”. Kannst du uns dazu etwas erzählen?

Maren: Der Phantastikpreis ist eine tolle Sache, die uns von der Phantastischen Bibliotjek noch mit der Stadt Wetzlar zusammenschweißt. Früher haben wir ja mal zur Stadt gehört, aber seit ein paar Jahren sind wir als Stiftung in privater Trägerschaft. Der mit 4000,- € dotierte Preis wird von der Stadt Wetzlar vergeben, aber von uns als Bibliothek organisiert. Eine Jury liest alle eingereichten Titel, die den Kriterien der Ausschreibung entsprechen (das heißt: Erstveröffentlichung in deutscher Sprache innerhalb der vergangenen 12 Monate, jeweils vom 1.04 bis 31.03 des Folgejahres). Dann wird geguckt, wie originell oder gesellschaftlich relevant und sprachlich gut die Bücher sind und eine Top Ten erarbeitet. Diese zehn Büchern werden dann noch einmal sehr intensiv geprüft und besprochen, um eine Top Drei zu erstellen – und dann wird es spannend: Einer dieser drei Titel erhält dann den Preis, der traditionellerweise anlässlich der Wetzlarer Tage der Phantastik in festlichem Rahmen verliehen wird. Ganz schön viel ehrenamtliche Arbeit, die da geleistet wird! Die Juroren haben alle mit Büchern und Phantastik zu tun, sind aber keine Mitarbeiter der Bibliothek.

Was liest eine KJB-Expertin noch?

mittelhessenbuch: Dein Fokus ist ja eigentlich in der Kinder- und Jugendliteratur. Welche anderen Sparten der Phantastischen Bibliothek interessieren dich? (Drachen und Arthus? 🙂 )

Maren: Mit Drachen fing meine Liebe zur Phantastik an. Das Initialbuch damals war „Das Getüm“ von Dietlind Neven-du-Mont, bzw. Teil 2: „Ein Getüm kommt selten allein“. Zwar heißen die Viecher in der Geschichte alle Getüme, die Bilder verraten aber, dass es sich eigentlich um Drachen handelt. Im Prinzip geht es darum, wo die Getüme und Ungetüme (oder aber eben Drachen) sich heutzutage aufhalten würden, wenn es sie (noch) gebe, und das hat in mir als Kind diese große Sehnsucht nach dem Phantastischen in unserer doch sonst so nüchternen Welt geweckt. Die Liebe zu Drachen ist geblieben! Außerdem habe ich mich in meinem (nie fertig gestellten) Dissertationsprojekt mit verschiedenen Adaptionen der Artusgeschichten in der englischsprachigen Kinder- und Jugendliteratur auseinandergesetzt, was mich auch nach wie vor fasziniert. Spannend finde ich die doppelte Adressiertheit von phantastischen Jugendbüchern – also das Phänomen, dass besonders im Bereich der Phantastik die Bücher von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen gelesen werden. Harry Potter ist das bekannteste Beispiel, aber es gibt sehr viel mehr Titel. Noch etwas jünger ist mein Interesse an der Darstellung von Bibliotheken und Bibliotjekar*innen in der phantastischen Literatur. Das ist klasse: Biblioheken sind in diesen Büchern meist das genaue Gegenteil von dem, was sie in unserer Realität sind. Dunkle, verstaubte, schwer zugängliche oder gut Bewachte Bücherhorte, magisch und geheimnisvoll … So, wie wir eben! Ha!

mittelhessenbuch: In einem Jahr würde ich das Interview gerne mit dir “in echt” in der PhanBib wiederholen! Hast du noch abschließende Worte?

Maren: Ich könnte hier endlos weiterplappern … Aber zweierlei: Ich freue ich auf die Lektüre deiner Bücher (die ich bisher noch nicht geschafft habe) und ich drücke sämtliche Daumen, dass sie bei der Phantastipreis-Jury gut ankommen. Und an all deine Leserinnen und Leser: Kommt in die Turmstraße und besucht mich in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar. Das ist wirklich ein toller Ort, den es zu entdecken gilt. Ich freu’ mich, euch zu begegnen!

Webseite: https://www.phantastik.eu/

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Bildquelle: Phantastische Bibliothek Wetzlar