Erinnert ihr euch an die Schule? Bei mir ist das mittlerweile drei Jahrzehnte her! Ich muss gestehen, dass ein nicht unbeachtlicher Anteil der Bücher, die ich nicht fertig gelesen habe, in diese Zeit fallen. Vieles von dem Stoff, der mir (vornehmlich von meinen Deutschlehrer*innen) angeboten wurde, hat mich schlichtweg damals nicht berührt. Kindlers Literaturlexikon in der Bibliothek der Goetheschule Wetzlar war das, was für viele Schüler heute Wikipedia ist: Die Abkürzung genug von dem Stoff für die nächste Klausur zu kennen.
Lesen in der Schule
Meine Lesegewohnheiten waren und sind auch weniger literatisch. Bücher die ich lese, müssen nicht seicht sein, aber sie müssen mich unterhalten. So war die Diskrepanz zwischen dem, was Hausaufgabe war und dem, was ich gelesen habe ein wenig wie Feuer und Wasser.
Mit William Goldings „Lord of the flies“ schaffte es aber mein Englischlehrer an der Lahntalschule in Atzbach ein wenig Stoff zu bieten, mit dem ich etwas anfangen konnte. Das war vorher das letzte Mal mit „Nils Holgersson“ von Selma Lagerlöf in der Grundschule Waldgirmes passiert. Erstaunlicherweise wurde bei mir im Unterricht vieles von dem, was als „der übliche Schulstoff“ gilt, gar nicht gelesen. Wir haben nicht „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang gelesen, nicht Christiane F.s „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Zumindest an Aldous Huxleys „Brave New World“ in der Mittelstufe kann ich mich erinnern.
In der Oberstufe lag der Fokus im Englischunterricht bei Theaterstücken. Trotzdem hat unser Englischlehrer überrascht und eine Stephen King Kurzgeschichte in den Unterricht integriert. Für mich sehr interessant, denn gerade die Reaktion der Klasse waren für mich der Anlaß einen Bericht für die Schülerzeitung zu schreiben. Der Deutschunterricht in der Oberstufe war … ich habe einige Bücher gelesen (oder überwiegend nicht gelesen), die mir absolut nicht gefallen haben. Dem entsprechend steht auch kein Buch von Max Frisch in meinem Bücherregal. Den üblichen Oberstufenstoff „Faust“ von Goethe haben wir sehr intensiv behandelt, umso erstaunlicher ist, dass „Die Leiden des jungen Werther“ in der Schule komplett an mir vorbeiging. Und das, obwohl ich das Gymnasium in Wetzlar besuchte!
Ich schreibe ein Buch!
Wie erstaunlich viele andere Menschen hatte ich schon lange Ideen „mal ein Buch“ zu schreiben und trotzdem ich gerade letztens eine etwa 5000 Wörter lange Vampirkurzgeschichte gefunden habe, die ich im achten Schuljahr geschrieben hatte, blieb es lange bei der Idee. Bis ich mich 2012 hingesetzt habe und die ersten Kapitel zu einem Roman angefangen habe, der mir schon einige Jahre im Kopf herumspukte.
Schnell merkte ich, dass eine Idee noch keinen Roman macht, es braucht mehr, denn Schreiben ist nicht nur Kunst, es ist auch Handwerk. Nachdem das Manuskript dann über sechs Jahre in der virtuellen Schublade lag, habe ich es weiter und vor allem fertig geschrieben, versucht die Idee an Literaturagenturen zu vermitteln und dann schließlich „Ohne Strom – Wo sind deine Grenzen?“ im Eigenverlag veröffentlicht.
Buchmarketing? Regionalität!
Damit war ich dann auch schon mitten im Marketing. Ein Buch schreiben ist das eine, Leser*innen finden etwas anderes! Aber wie finde ich die? Wie machen das andere Autoren? Es war mir generell schon aufgefallen, dass einig Buchhandlungen ein Regal für Regionales haben. Da finden sich dann Reiseführer, Kochbücher, Romane von Selfpublishern aus der Region. Erst langsam ging mir auf, dass auch ich auf diesen Weg Menschen finden konnte, die mein Buch lesen wollen.
„Zielgruppe finden“ ist beim Marketing wichtig und gerade regionaler Bezug ist da nicht zu unterschätzen. Gerade wenn man nicht aus einem Ballungsgebiet kommt, streiften Autor*innen nicht oft den eigenen Ort und da bei mir nicht nur der Autor aus Mittelhessen kommt, sondern mein Erstling zum Großteil auch in Mittelhessen spielt, half mir das einig Türen einfacher zu öffnen: Zeitungen, Hitradio FFH, Bibliotheken aber auch Buchhandlungen waren da zugänglicher. Eine Erfahrung, die nicht alle Selfpublisher teilen können.
Andere Autor*innen aus der Region
Ich musss gestehen, dass ich mir erst Monate, nachdem ich mein Buch veröffentlicht habe, Gedanken über andere Autor*innen aus der Region gemacht habe. Das ist umso erstaunlicher, weil Andrea Nesseldreher, mit der ich befreundet bin und jahrelang zusammen in einer Band gespielt habe, etwa zeitgleich ein Kinderbuch über Mittelhessen veröffentlicht hat . „Filmreife Ferien an der Lahn – Lilly und Nikolas in Mittelhessen“ ist im Biber Butzemann Verlag erschienen, der sich darauf spezialisiert hat Reiseführer in Kindergeschichten zu integrieren. Die Protagonisten in den Geschichten erleben Abenteuer in einer Region und an Orten, die es wirklich gibt, womit man neben der Geschichte gleich Ausflugsziele geliefert bekommt.
Witzigerweise sind Andrea Nesseldreher und ich am gleichen Tag für die Wetzlarer Neue Zeitung interviewt worden und der Reporter, der das Gespräch mit Andrea hatte, hatte zeitnah einen Termin mit Zoë Beck, die zwar nicht (mehr) in der Region lebt, aber hier aufgewachsen ist und ein Teil ihres Romans „Paradise City“ spielt in Mittelhessen.
Auch Lars Amend und dessen Bruder Christoph haben hier ihre Wurzeln und damit kratze ich nur an der Oberfläche!
Und weiter?
Speziell mit der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar und dem Phantastikpreis der Stadt Wetzlar ist der Domstadt die Aufmerksamkeit der Fantasy-Fans gewiss. Mit der LimBuch in Limburg und der Marburg-Con, dem Literarischen Zentrum in Gießen weitere Ergänzungen zum literarischen Leben in Mittelhessen.
Für mich war das bisher eine Entdeckungsreise, die sicherlich noch nicht zu Ende ist. Es gibt Schreibgruppen, Autorenstammtische und Lesungen und die Regionalität erleichtert einen persönlichen Austausch. Ich bin gespannt, was es noch alles von Limburg bis Marburg, von Dillenburg bis Hungen zu entdecken gibt!
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